Die Glocke und die Gemeinde Faßberg – Erläuterungstafel feierlich enthüllt

Gesellschaft Von Susanne Zaulick | am So., 28.11.2021 - 17:35

FASSBERG. „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung. Nur wer aus der Vergangenheit lernt, kann heute Zukunft gestalten!“. Dieses dem jüdischen Mystiker Ball Shem Tov (1698 – 1760) zugeschriebene Zitat bildet die Überschrift der neuen Erläuterungstafel vor der Faßberger Kirche. Sie ist ein  Produkt der Geschichtswerkstatt, die sich 2019 in Folge des Streits um die Hakenkreuzglocke gegründet hatte.

Nachdem bereits seit 2019 eine neue Glocke im Turm erklingt, wurde gestern die Erläuterungstafel feierlich enthüllt – und bei dieser Gelegenheit natürlich auch nochmal ein Blick zurück und nach vorn geworfen. Hans-Dietrich Springhorn von der Geschichtswerkstatt moderierte die Ansprachen, Angelika Cremer, ebenfalls Mitglied der Geschichtswerkstatt, machte den Anfang. „Vier Jahre nach einem anfangs heftigen Streit ist es zu einem Diskussionsprozess und  einem guten Ende gekommen“, so die ehemalige Ortsbürgermeisterin. Aber die Geschichtswerkstatt blickt auch nach vorn. „Wir haben auch Träume und Wünsche“, so Cremer. So wünsche man sich in dem geplanten Neubau der Faßberger Erinnerungsstätte Luftbrücke ein „Geschichtshaus“ oder „Gemeindemuseum“, das die ganze Geschichte der Gemeinde abdeckt. Sich nur auf eineinhalb Jahre Luftbrücke zu fokussieren, sei „ein falsches Signal“.

Neben einer ganzen Reihe an verlesenen Grußworten von kirchlichen und staatlichen Vertretern, darunter Ministerpräsident Stephan Weil (s. Anhang), kamen am Mikrofon vor allem Menschen zu Wort, die den Austausch der Hakenkreuzglocke gefordert und unterstützt haben. Die neue Erinnerungstafel, so der Superintendent des Kirchenkreises Soltau, Heiko Schütte, solle all die Menschen ansprechen, „die zu wenig Erinnerung haben“ oder Zusammenhänge nicht erkennen. „Ich nehme wahr, dass wir uns sehr schwer tun mit Erinnerung.“ Es gelte, das Erbe zu bewahren um der Menschen willen, die im Nationalsozialismus gestorben sind.

Von der Gedenkstätte Bergen-Belsen hielt Diana Gring eine Ansprache, in der sie an die Arbeit der ersten Geschichtswerkstätten in den siebziger Jahren erinnerte. „Grabe, wo du stehst“, lautete schon damals das Motto, das nun auch in Faßberg angewendet wird. „Wir tragen keine Schuld, aber Verantwortung“, so die Historikerin, die auch daran erinnerte, dass sich die Kirche überwiegend der faschistischen Ideologie gebeugt habe.

Die „unrühmliche Rolle“ der Kirche im Nationalsozialismus thematisierte auch Wilfried Manneke, Pastor im Ruhestand und Sprecher des Netzwerks gegen Rechtsextremismus Südheide. Aber es habe auch aus der Kirche Widerstand gegeben, so zum Beispiel von Vertretern der „Bekennenden Kirche“. Mit Blick auf den Prozess, der zum Austausch der „Hakenkreuzglocke“ geführt hat, zeigte er sich zufrieden: „Probleme lösen sich nicht von allein. Sie müssen angegangen werden.“

Elke von Meding erinnerte für die AG Bergen-Belsen daran, dass der Nationalsozialismus möglich geworden sei durch „ganz gewöhnliche Menschen“, die schlicht Befehle befolgt hätten. Ihr Fazit: „Wir dürfen nicht immer Befehlen gehorchen. Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Klaus Meyer, vom Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) schloss sich mit einem Grußwort an.

Nicht vor Ort war bei der Veranstaltung der Pastor der ev. luth. Michaelkirche, Rudolf Blümcke. Eine Ansprache von ihm verlas die Kirchenvorstandsvorsitzende Beate Broihan. Darin begrüßte der Pastor die Auseinandersetzung mit der Geschichte und äußerte im Hinblick auf den „Glockenstreit“:  „Verschiedene Sichtweisen wird es immer geben. Wie wir damit umgehen, ist entscheidend.“

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