„Das ist total daneben“ – Dietrich Klatt kommentiert Nordwall-Pläne

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mi., 10.11.2021 - 08:16

CELLE. Dietrich Klatt hat beim Betrachten der Skizze die Lupe zu Hilfe genommen, um sich ein genaues Bild zu machen von dem Gebäude, das die stadteigene „allerland-Immobiliengesellschaft“ auf dem Nordwall-Eckgrundstück errichten will: „Ich erkenne da auf der Fassade eine Wellenkonstruktion, ob dies Bezug nimmt auf die Aller?“ Das wäre immerhin ein Anflug von Interpretation dessen, was sich in der Umgebung des geplanten fünfgeschossigen Bed & Breakfast-Hotels mit zwei Sternen befindet. Das vollständige Erscheinungsbild des Hauses legt jedoch eher die Vermutung nahe, dass es sich um ein rein funktionales oder dekoratives Element handelt ohne Verweis auf irgendwas, identisch könnte es sich wie das Gebäude insgesamt in Bottrop oder Wanne-Eickel wiederfinden.

„Das, was typisch für Celle ist, nimmt dieser Entwurf nicht auf“, sagt der Autor des Buches „architekturMEILE“ und Kulturpreisträger Dietrich Klatt. Keineswegs schwebt ihm bei diesem Einwand eine bloße Imitation dessen, wofür die Residenzstadt berühmt ist, vor. Klatt gehört zu den nicht sehr häufig anzutreffenden Cellern, die große Sympathie für die selbstbewusste Architektursprache des vom Celler Architekten Jürgen Otto entworfenen Neubaus in der Kanzleistraße hegen. Hier wurden keine historisierenden Anleihen genommen, sondern es entstand eine zeitgemäße Antwort auf das historische bauliche Umfeld, die anknüpft an das, was Ottos Kollegen vor Jahrhunderten ersannen. Gleiches gilt für das preisgekrönte Village, das Dietrich Klatt ebenfalls überaus gut gefällt.

In den Plänen für die nach seinen Worten städtebaulich und optisch sehr interessante Nordwall-Ecke findet er nichts von alledem. „Das ist total daneben, von Kreativität und Innovation keine Spur“, sagt der Architekturkenner, der in den 1980er Jahren das Direktorenhaus in der Magnusstraße vor dem Abriss rettete. „Das Gebäude wirkt hart, brutal und gleichzeitig banal, die Fenster sind dunkle Löcher, es gibt keine Farb- und Formvariationen, wie wir sie z.B. beim OLG am Neumarkt finden, das Dach sieht aus wie abgehackt, da fehlt ein Sims oder ein anderes abschließendes Element“, formuliert der Celler Künstler seine Kritik. Ähnlich wie Stadtbaurat Ulrich Kinder es im jüngsten Bauausschuss bei der Präsentation der Skizzen darlegte, ist auch Klatt der Meinung, dass Eckgrundstücke eine hervorgehobene Bebauung verlangen. „Es gibt hier sehr gelungene Beispiele in Celle, angefangen vom Trüllerhaus in der Westcellertorstraße über die Deutsche Bank bis zur gegenüberliegenden Ecke Markt/Neue Straße“, erläutert der Autor zahlreicher Abhandlungen über moderne Baukunst.

Aber mit Ulrich Kinders bei der Vorstellung geäußerter Ansicht, das Hotel setze einen Eye-Catcher, er weise auf die gegenüberliegende Rathsmühle hin, stimmt der 86-Jährige nicht überein: „Die Rathsmühle hat einen ganz anderen Charakter, sie fällt optisch nicht ins Gewicht, sie spielt als Referenz für die Neubebauung überhaupt keine Rolle. Ein Blickfang wird das Hotel werden, aber im negativen Sinne, ein sogenannter bad new eye catcher.“

Unter dem Strich fällt Dietrich Klatts Beurteilung des Entwurfs der „allerland-Immobiliengesellschaft“ vernichtend aus. Eine Aussage im Verlauf des Gespräches lautet: „Der haut alles kaputt!“