DB-Planung: Korridor Celle-Bergen-Soltau wieder auf der Tagesordnung

Wirtschaft Von Susanne Zaulick | am So., 17.10.2021 - 08:37

BERGEN/CELLE. Zwischenzeitlich hatte man beim Bergener Aktionsbündnis gegen Trassenneubau aufgeatmet. Die „Gefahr“ einer Neubautrasse mitten durch die Heide schien nach dem Dialogforum Schiene Nord im Jahr 2015 gebannt. Doch seit einiger Zeit mehren sich die Zeichen, dass die umfangreiche Bürgerbeteiligung vor sechs Jahren keine große Relevanz haben könnte. Denn jetzt plant die Bahn. Und dabei steht Rechtssicherheit an oberster Stelle und nicht Bürgerwünsche. 

Bei der Bahn gibt man sich transparent. Bei einer Online-Veranstaltung am Dienstag gab es für alle Interessierten Gelegenheit, sich über den aktuellen Planungsstand zu informieren und Fragen zu stellen. Was BürgerInnen aus der Veranstaltung mitgenommen haben dürften, ist der Eindruck professionellen Vorgehens, bei dem anhand von Sachkriterien eine „vorzugswürdige Alternative“ erarbeitet wird. Begriffe wie „Sensitivitätsbetrachtung, Bundesnaturschutzgesetz, Raumwiderstandsanalyse oder Schienenwegeausbaugesetz“ machen klar, dass die aktuell 200 an der Planung beteiligten Fachleute bei der Bahn und in externen Planungsbüros nichts dem Zufall überlassen wollen.

Und plötzlich ist da auch wieder ein Trassenkorridor im Spiel, der  beim Dialogforum Schiene Nord schon  einmal auf der Tagesordnung stand: eine Neubautrasse, die sich in der Südheide am Verlauf der B3 und/oder der bereits vorhandenen OHE-Trasse orientiert. Denn bereits vorhandene Straßen oder Schienen ermöglichen eine Bündelung von Trassen und sind daher aus landschaftsplanerischer Sicht vorzugswürdig. Die Mitarbeiterin eines von der Bahn beauftragten Planungsbüros hat sich mit den Details ausgiebig befasst und kennt die naturräumlichen und raumplanerischen Gegebenheiten. „Konfliktfrei kommt man nicht durch diesen Raum“, so ihre Prognose. Die Heideflüsse, die als FFH-Gebiete schützenswerte Uferbereiche haben, sind ein Punkt, den sie erwähnt. Auch ein Korridor entlang der A7 ist mit im Rennen, dürfte aber aufgrund des angrenzenden Truppenübungsplatzes eher nicht in Betracht kommen.

Statt dessen könnte es am Ende sein, dass der Korridor zwischen Celle über Bergen nach Soltau in die engere Wahl rückt. „Aufgrund vieler Erfahrungen mit der Bahn, gehen wir davon aus, dass es der Bahn um eine Neubaustrecke geht“, bestätigt Joachim Partzsch, Sprecher des Projektbeirats Alpha E, der schon das Dialogforum vor sechs Jahren begleitet hat. Im Projektbeirat sind Vertreter der von Aus- oder Neubau betroffenen Kommunen sowie Bürgerinitiativen aus dem Raum Hamburg-Hannover-Bremen organisiert. 

Partzsch ist sich zwar bewusst darüber, dass Empfehlung des Dialogforums für die Ausbauvariante, die unter der Bezeichnung „Alpha E“ bekannt wurde, keine rechtliche Verbindlichkeit hat, aber „eine moralische Verbindlichkeit ist damit schon verbunden“, sagt der Uelzener, der beruflich in der kommunalen Bauplanung tätig war. Das Dialogforum, das fast ein Jahr lang zu acht überregionalen Treffen zusammenkam und dessen Mitglieder sich überwiegend ehrenamtlich in die Materie eingearbeitet hatten, empfahl Ende 2015 mehrheitlich den Ausbau der bestehenden, aber seit Jahren überlasteten, Strecke Hannover-Hamburg. 

„Diese Empfehlung ist auch in den Bundesverkehrswegeplan -  allerdings mit Modifikationen, - aufgenommen worden“, erläutert Partzsch. So sei dort nicht mehr nur von Ausbau, sondern auch von Neubau die Rede. Was aber noch keine komplett neue Trasse bedeuten muss, da der Ausbau der Bestandsstrecke durchaus die „Umfahrung“ einzelner Orte an der bestehenden Trasse beinhalten könnte. Insgesamt aber, beobachtet Jochim Partsch, entfern man sich bei der Bahn von der Ausbauvariante immer mehr.

„Welche Züge würden auf einer Neubautrasse fahren?“, lautete eine der Fragen, die der Bahn am Dienstag gestellt wurden. Die diplomatische Antwort: „Sämtliche Strecken werden als Mischverkehrsstrecken bis 250 km/h für Nah-, Fern- und Güterverkehr gebaut.“ Im Projektbeirat geht man davon aus, dass auf einer Neubautrasse durch die Heide tagsüber vor allem ICE-Züge unterwegs wären, nachts möglicherweise Güterzüge. Ob auch Nahverkehr dazukommt, bleibt den regionalen Anbietern bzw. der Rentabilität und logistischen Möglichkeiten überlassen.

Alpha E wird übrigens auch mit dem Bau einer Neubautrasse durch die Heide nicht komplett „ausgehebelt“. Denn das Gesamtkonzept beinhaltet auch den Ausbau der „Amerikalinie“ zwischen Bremen und Uelzen mit Anbindung der bremischen Häfen und einen Abzweig Verden-Nienburg-Wunstorf. 

Die Bahn verweist bei ihren Planungen auf ihre gesetzlich vorgegebene Pflicht zu einem Planfeststellungsverfahren. Entscheiden werde das Parlament.  Der Tag der Abstimmung könnte in nicht mehr ganz weiter Ferne liegen. „Wenn‘s gut läuft, entscheidet der Bundestag 2023“, so die Hoffnung bei der DB.

Kommender Woche wollen die überregionalen Bürgerinititativen zu einer gemeinsamen Bewertung der aktuellen Planungssituation kommen. Und werden möglicherweise nochmal in in Erinnerung rufen, wie die Arbeit des Dialogforums damals bewertet wurde. „Ich glaube, dass Sie schon mit dem, was Sie gemacht haben, ein Stück Geschichte geschrieben haben“, wird der stellvertretende Bahnvorstand Dr. Volker Kefer auf der Website des Dialogforums zitiert. Olaf Lies, damals noch  niedersächsischer Wirtschaftsminister sprach von einem „Meilenstein für die künftige Bürgerbeteiligung bei Großprojekten“.