Über die Köpfe hinweg – OB Nigge schließt Feuerwehrstandort Vorwerk

Politik Von Anke Schlicht | am Fr., 03.12.2021 - 09:57

CELLE. Offenbar über die Köpfe der Beteiligten hinweg entschied Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge, dass der Feuerwehrstandort Vorwerk aufgelöst wird. „Die Entwicklung, wie sie jetzt läuft, war nicht Ziel der Planung“, sagte Stadtbrandmeister Kai-Uwe Pöhland in der Sondersitzung des Ortsrates Vorwerk und markierte damit ebenso einen Eckpunkt der Thematik wie Ortsbürgermeisterin Iris Fiß, die als Kernproblem definierte: „Wir sind nicht mitgenommen worden.“

Hintergrund ist die Schließung des Feuerwehrstandortes Vorwerk, die der Vertreter der Stadtverwaltung, Jann Brüsting, als definitiv entschieden und unabänderlich beschrieb: „Die Grundfrage des Kämmerers Thomas Bertram lautete, ob es möglich sei, den Brandschutz für den nördlichen Teil der Stadt durch eine Wehr sicherzustellen, und damit auf Vorwerk zu verzichten. Und nun steht fest, es gibt nur noch eine gemeinsame Wache in Groß Hehlen.“ Die Entscheidung sei vom Oberbürgermeister und vom Kämmerer getroffen worden, erläuterte der Abteilungsleiter für Brandschutz, der sich Verstärkung mitgebracht hatte. Der Fachdienstleiter für allgemeine Ordnung, Sebastian Stottmeier, sowie der Fachbereichsleiter für Ordnung und Soziales, Matthias Peters, unterstützen ihn. Letzterer baute gleich zu Beginn vor: „Wir drei sind neu in der Materie.“ Man könne womöglich nicht alle Fragen beantworten und müsse entsprechend aufs Protokoll verweisen, was sich im Verlauf der konstruktiven Sitzung bewahrheitete.

Die Feuerwehr Vorwerk blickt auf eine mehr als 50-jährige Tradition zurück, die engagierten Beiträge einzelner Kameraden aus den Reihen von rund 20 anwesenden Gästen ließ die starke Verbindung mit dem Standort erkennen. Dieser ist jedoch laut Stadtverwaltung nicht mehr zeitgemäß, das Gelände sei zu klein, die bauliche Substanz marode. Bereits Ende 2018 wurde dieses in einer Sitzung des Feuerschutzausschusses thematisiert. „Wir hatten gehofft, dass wir als Ortsrat über den weiteren Verlauf informiert werden. Aber dieses passierte nicht“, erläuterte Iris Fiß. Der Vorsitzende des Feuerschutzausschusses, Christoph Engelen (SPD), bestätigte diese Wahrnehmung: „Ich bin enttäuscht, fühle mich nicht eingebunden. Dass die alte Vorwerker Wache nicht mehr den Vorschriften entspricht und dass auch die Feuerwache Groß Hehlen abgängig ist, war klar. Uns als Ausschuss ist zugesichert worden, dass zwei Wehren unter einem Dach zu Hause sein sollten. Aber dann haben Kämmerer, OB und Mitarbeiter der Verwaltung entschieden.“

Es wird eine neue Feuerwache mit fünf Einstellboxen im Groß Hehlener Neubaugebiet „Im Tale“ errichtet werden, die eine Eigenständigkeit der beiden Wehren Vorwerk und Groß Hehlen nicht mehr vorsieht. Der bisher in Vorwerk beheimatete Vierte Zug wird künftig zur Hauptwache am Herzog-Ernst-Ring gehören. Laut Aussage des Abteilungsleiters Brandschutz Brüsting werde durch die Zusammenlegung eine Million Euro eingespart, die Ausschreibung erfolge noch in diesem Monat, die Fertigstellung wird für Ende 2024 angestrebt. „Die beiden Wehren konnten sich nicht einigen, daher hat die Stadt entschieden“, referierte der Verwaltungsbeamte. Iris Fiß stellte klar, dass Vorwerk sich seine Feuerwehr nicht nehmen lasse. „Auf der einen Seite werden wir als Ortsteil vor immer mehr Herausforderungen gestellt und nehmen sie an, auf der anderen Seite will man uns den Standort nehmen.“

Dass hinter der nüchtern vorgetragenen Schilderung der Ereignisse und zukünftigen Vorgehensweise ein langwieriger, für viele sehr schmerzvoller Prozess steckt, war ablesbar sowohl an den Statements des Stadtbrandmeisters Kai-Uwe Pöhland: „Wir haben viele Fehler gemacht! Ich habe mich nicht gewehrt gegen die Entscheidung. Die Kommunikation war sehr schlecht“, als auch an einzelnen Diskussionsbeiträgen aus den Reihen der Gäste wie: „Man kann die Menschen nicht vor den Kopf stoßen“, was mehr als einmal gesagt wurde, oder solche, die auf die soziale Komponente und das ehrenamtliche Engagement anspielten: „Wir übernehmen auch andere Aufgaben als Brandschutz, und wir dürfen nicht unterschätzen, dass wir eine freiwillige Feuerwehr sind, ist eine Wehr erstmal kaputt, bleibt sie kaputt“, sagte Gerd Knoop, den als Mann der ersten Stunde, langjährigem Zugführer und alteingesessenem Vorwerker die Zerschlagung der Feuerwehr Vorwerk sehr zusetzt. Noch mehr als dieser Plan nehmen ihn jedoch die Begleitumstände mit: „Was mich voll getroffen hat, ist, dass alles schon feststand.“

Damit wollen sich indes die anwesenden Ratsmitglieder nicht abfinden. Anneke Hagedorn und Iris Fiß hatten bereits im Verlauf der Sitzung in Erwägung gezogen, einen Antrag auf Entscheidung durch den Rat zu stellen. Christoph Engelen erhielt Applaus, als er vorschlägt, sofortigen Planungs- und Ausführungsstopp zu beantragen. Den Einwand des Verwaltungstrios, es handele sich um „ein Geschäft der laufenden Verwaltung“, quittierte die Ortsbürgermeisterin mit der Bemerkung: „Das wird uns an der Antragstellung nicht hindern.“