Enttäuschende Premiere von „Zusammen ist man weniger allein“

Theater Von Anke Schlicht | am So., 28.11.2021 - 10:28

CELLE. „Eine halb verfallene, aber mit unzähligen Gemälden und alten Möbeln reich ausgestattete Jugendstil-Wohnung bildet dabei als fünfte Hauptfigur Rückzugsort und sicheren Kokon.“ So formuliert Dramaturg Moritz Peters im Heft zum Stück „Zusammen ist man weniger allein“, das am Freitagabend auf der Hauptbühne des Schlosstheaters Premiere feierte. Für wen hat er den aufschlussreichen Text geschrieben? Seine Kollegen, allen voran Regisseurin Ragna Guderian und Bühnenbildnerin Marianne Hollenstein, haben ihn offensichtlich nicht gelesen. Andernfalls hätte die Zuschauer nicht ein mit Folie verhangenes, mit Weihnachtsbäumchen dekoriertes sowie mit Kühlschrank und Mikrowelle ausgestattetes atmosphärisches Nichts empfangen.

Vermutlich Sinnbild für die Kälte, die die vier Protagonisten in ihrem Leben erdulden mussten. Ein Drama schlimmer als das andere steckt hinter den Biografien von Camille, Franck, Paulette und Philibert, die sich da - soziale Grenzen sprengend – in eben jener vom Dramaturgen beschriebenen Behausung zusammengefunden haben und sich gegenseitig aufrechthalten. Schauplatz ist Paris, der Bezug zu Frankreich im Roman von Anna Gavalda, auf dem das Bühnenstück basiert, ist groß. Die Aufgabe, dieses atmosphärisch zu transportieren, liegt allein auf den Schultern des musikalischen Leiters, Moritz Aring, der mit übergroßer Melone auf dem Kopf und Saxophon in Händen, zu laut musizierend durch die Szenerie geistert.

Verklingt die Musik, übernehmen die Worte, die oft geschrien, aber häufig auch sehr fein, mit passender Mimik und Gestik unterlegt, manchmal stotternd aneinandergereiht dem Gegenüber präsentiert werden. Franck, der Koch, hat bei Philibert, dem Spross eines vornehmen Adelsgeschlechtes und Besitzer der Wohnung, eine Bleibe gefunden. Er kann als Mann des Volkes – zumindest der Lesart der Bühnenfassung nach – nur brüllen, ist praktisch veranlagt, aber ansonsten einfach gestrickt. Ganz anders Camille, eine junge Frau, die Putzen geht, aber eigentlich Künstlerin ist und von Franck „ein Haufen Knochen“ genannt wird. Denn das langhaarige, hübsche Mädchen, gespielt von Anne-Kristin Schiffmann, ist magersüchtig. Auch die Älteste im Bunde, Paulette, ist gesundheitlich angeschlagen, auch wenn man es ihr auf der Bühne nicht anmerkt. Sie sieht aus wie das blühende Leben, hat sich für um die 80 Jahre gut gehalten, kein graues Haar, rosiges, glattes Gesicht und wacher Geist. Altmodische Strickjacke und gebückte Haltung mussten aus Sicht von Darstellerin Tanja Kübler reichen, um eine Frau zu verkörpern, der das Leben übel mitgespielt hat und der nun das Heim droht. „Omi, nicht schon wieder, ich kann nicht mehr!“, schleudert Enkel Franck, der Koch, gut gespielt von Fabian Lichotta, ihr entgegen. Es klingt ein Hauch von Sozialkritik an, wenn er der Großmutter berichtet, dass er sechs Tage die Woche arbeitet, noch nichts gesehen hat von der Welt, viel zu wenig weiß. Er hat wohl die nicht aus begüterten Familien stammenden, täglich um die Existenz kämpfenden einfachen Leute im Blick, wenn er sagt: „Wir haben Schmerzen im Kopf. Das ist normal, so geht es uns allen.“

Im Nu sind die Worte verflogen, werden überlagert von langen wenig pointierten Dialogen zwischen den Protagonisten, die die Handlung auf der Stelle treten lassen. Die Geschichte von Solidarität innerhalb eines bunt zusammengewürfelten Quartetts wird nicht wirklich erzählt, berichtet wird vielmehr vom Problem des Abgeschobenwerdens in ein Pflegeheim sowie von der Annäherung zwischen zwei Menschen, die sich zueinander hingezogen fühlen, Camille und Franck, die als Charaktere jedoch sehr eindimensional und klischeehaft gezeichnet werden. Ihr Miteinander ist vorhersehbar und unter dem Strich uninteressant, während die Figur der Paulette dem großen Thema Alter, Einsamkeit, Hilfebedürftigkeit in keinster Weise gerecht wird. Die Bühnenfassung des Romans lässt einen Spannungsbogen vermissen, sie langweilt über weite Strecken - letztendlich fehlt es ihr an Tiefe ebenso wie an Leichtigkeit.

Und doch macht das Hinschauen und Zuhören an einigen Stellen Spaß, und zwar immer dann, wenn der altmodische, wie aus der Zeit gefallen wirkende Philibert die Szenerie beherrscht. Der Star des Quartetts wird glänzend gespielt von Philipp Keßel. Der Adelsspross ist so schräg wie sein Outfit – Pelzmütze, Fliege, karierte Hose, Strickjacke, gemusterter Pullover. Die Familie scheint den zarten Jungen mit ihrer in Jahrhunderten erworbenen Bedeutungsschwere erdrückt zu haben. Keßel transportiert die Unsicherheit, die stetige Angst vor allem und jedem, die Feinheit, das Empathische und Skurrile dieses Charakters überzeugend. Die Regisseurin lässt ihn an seine Mitbewohner gewandt einen gewichtigen Satz sagen, der das Leitmotiv für das gesamte Stück hätte sein müssen: „Ich habe doch nur Euch auf der Welt!“